12/20/2019

Noseda mit dem Tonhalle-Orchester Zürich: ein bemerkenswertes Debüt

«Hätte Stanley Kubrick für seinen Kultfilm «2001 – A Space Odyssey» jene Version von Strauss’ «Also sprach Zarathustra» verwendet, die nun in der Tonhalle Maag zu hören war: Der Astronautentrip wäre ganz anders verlaufen. Sicherer, direkter, auf sehr viel klarere Weise aufregend. Denn der Dirigent Gianandrea Noseda zeigte schon in den berühmten ersten Takten, dass er keine Diffusitäten mag. Zusammen mit einem geradezu beflügelten Tonhalle-Orchester katapultierte er das Publikum in ein faszinierendes Klanguniversum.
Man hörte es mit besonderem Interesse; schliesslich gab Noseda sein Tonhalle-Debüt als künftiger Generalmusikdirektor des Zürcher Opernhauses. (…) Aber, so hat dieses Konzert gezeigt, auch als einer, der sich auf einen Klangkörper einzulassen weiss. Dass er sich am Ende ausführlich bei den Tonhalle-Musikern bedankte, bevor er sich verbeugte, war gewiss kein Zufall. Denn dass er ihre Spezialitäten schon bei dieser ersten Zusammenarbeit erkannt hat und zu nutzen wusste – das war ohrenfällig.
Zwar zerschellte Strauss’ Tondichtung in den lautesten Passagen an der Decke des Saals, die Fortissimi wirkten deshalb zuweilen matt. Aber das brachte erst recht zum Vorschein, wie viel in den leiseren Bereichen passierte.
Schon vor der Pause, in Dvoráks «Waldtaube», hatte Noseda gezeigt, dass er keine Bühne braucht, um Geschichten zu erzählen. Der Trauermarsch und das Gurren der Taube, die Tanzmusik und die sinistren Nebengeräusche fügten sich wie von selbst zu einem plastischen Ganzen. Satt und warm und lebendig war der Klang, den Noseda mit beeindruckender Geduld in die Stille begleitete.
In Ravels G-Dur-Klavierkonzert schliesslich hatte er mit Bertrand Chamayou genau den richtigen Solisten an der Seite. (…) Da kann es vorkommen, dass der Pianist in einem Moment Klangnebel produziert und im nächsten mit einem rhythmischen Kick gegen sich selber antritt: hoch musikalisch, ohne virtuose Eitelkeit. Und im Wissen darum, dass Noseda auch diesen Trip souverän mitmacht.»
Tages-Anzeiger, Susanne Kübler

«Dvořák, Ravel, Richard Strauss – drei Komponisten mit sehr ausgeprägten Personalstilen, die gleichzeitig als typische Vertreter der tschechischen, der französischen und der deutschen Musiktradition gelten: Das verlangt viel Feinarbeit am charakteristischen Detail, auch eine genaue Kenntnis von klangfarblichen Eigenheiten und überlieferten Spielweisen. Noseda besitzt diese Stilsicherheit, unter seiner energiegeladenen Leitung klingen die drei Stücke alles andere als gleich. (…) Wie organisch Dvořák das Prinzip der Programmmusik mit seinem ohnedies beredten böhmischen Idiom zu verbinden wusste, macht Noseda bezwingend deutlich, indem er die ständig wechselnden Trauermarsch- und Tanzcharaktere scharf modelliert und dem doppelbödigen «Wunderhorn»-Ton des frühen Mahler annähert.
Wie ungebrochen lebensbejahend klingt dagegen die exakt zur selben Zeit, 1896, komponierte Tondichtung «Also sprach Zarathustra». Noseda kann hier schon bei den allbekannten Eröffnungsfanfaren wie auf Knopfdruck die beachtliche Strauss-Tradition des Tonhalle-Orchesters reaktivieren: Herrlich befreit blüht der Klang, vor allem in der Cellogruppe; unerschrocken virtuos glitzert es im Holz.»
Neue Zürcher Zeitung, Christian Wildhagen