Entdeckung einer wundervollen Dirigentin
"Natürlich ist auch die Hardangerfiedel eine Entdeckung, die etwas andersfarbige Schwester unserer Violine aus Norwegen. Aber schon die vorausgeschickten Lieblings-Ansichtskarten mit für uns typischer Musik aus der Land der Trolle und der Einsamkeit in der Natur trugen eine bemerkenswerte Handschrift, waren so sorgfältig gestaltet, detailgenau und fantasieanregend, dass sich das Ohrenmerk sogleich auf Ustina Dubitsky richtete: in München aufgewachsen, Konzertmeisterin diverser Jugendorchester, Studium der Schulmusik, dann Dirigieren in Weimar, Assistentin von François-Xavier Roth beim Kölner Gürzenich-Orchester und an der Bayerischen Staatsoper und nun Debüts bei einem renommierten Orchester nach dem anderen. Zurecht, denn das ist beileibe keine Nachwuchsdirigentin mehr, sondern eine spürbar das Düsseldorfer Orchester fordernde und fördernde Autorität mit konkreten Vorstellungen und Gesten, die schon nach dem "Bergkönig" mit Extra-Applaus gefeiert wird. Dabei sind gerade Edvard Griegs in ihren Konzertfassungen allzu bekannten Stücke aus der Bühnenmusik zu "Peer Gynt" nicht unproblematisch und erfordern ein überzeugendes Gespür für Tempi, Dynamik und Farben. Das Aufblühen der "Morgenstimmung", die fein abgestimmten Schattierungen der Geigenspielarten in "Anitras Tanz", auch der Weg vom leisen Anschleichen zum offenen Ausbruch von Panik und tumultöser Gewalt in des Bergkönigs Halle will perfekt inszeniert sein, um zu fesseln, statt die hohen Erwartungen an die bekannten Motive zu enttäuschen. Und das gelingt den Düsseldorfer Symphonikern hervorragend, immer achtsam die Stimmführer, die ganze Mannschaft bei Peer Gynts Heimkehr auch in stürmischer Aktion abgestimmt wie auf einem Regattasegler, der gewohnt feine bis voluminöse Streicherklang in Solveigs Schlusslied in melodischen Idealbögen. Neben den Aufnahmeaktivitäten mit Chefdirigent Adam Fischer könnte man sich auch einmal eine Produktion der ganzen Suiten mit Dubitsky als Visitenkarte aus Düsseldorf vorstellen. Vielleicht sogar ergänzt um das programmatisch durchaus passende konzertante Auftragswerk für diese Konzertreihe, stünde Solistin Ragnild Hemsing nicht schon bei einem anderen Label unter Vertrag.
Ragnild Hemsing zwischen folkloristischer Lyrik und Tanz
Dass der 1982 in Australien geborene, aber auch viel in Deutschland wirkende Chordirigent und Komponist Gordon Hamilton ein Konzert für die Hardangerfiedel schreiben durfte, ist schon eine merkwürdige Konstellation: Im wegen seiner Naturschutzthematik preisgekrönten "Green Monday Projekt" der Düsseldorfer Symphoniker wurde sein Beitrag "Upcycle" vom Publikum als bestes Stück gekürt und brachte ihm den Kompositionsauftrag ein - und Hemsing ist als die internationale Spezialistin für die Hardangerfiedel immer auf der Suche nach neuen Werken. Man möchte gerne wissen, wie die Zusammenarbeit letztlich zustande kam und dann die individuelle Gestaltung des hochvirtuos scheinenden wie rhythmisch mitreißenden Soloparts ausfiel (laut Programmheft ließ Hamilton einige Freiräume). Das gewohnt in drei Sätze gegliederte Werk erweist sich als zeitgemäßes, publikumswirksames Crossover zwischen teils perkussiv vorangetriebener Motorik, expressiver Solo-Lyrik, klangschönen Flageolett-Spickungen und viel norwegisch, aber auch britisch-keltisch angehauchter Pseudo-Folkloristik: Man darf zwar die abschließende "Jig" nicht (wie in einigen Pausengesprächen gehört) in die Nähe von Riverdance rücken, aber gewisse Repetitionsmuster und auch Anklänge an Volkstümlich-Sentimentaleres à la Ralph Vaughan Williams im Mittelsatz-"Ayr" - Hemsings kurzer Wechsel von der Ole-Bill-Fiedel auf ihre Ruggeri-Violine hatte viel von "The Lark Ascending", der Satz fast durchgehend in "Greensleeves"-Stimmung - trugen sicherlich zum Publikumserfolg bei. Warum soll neue Konzertmusik nicht auch unterhaltsam sein? Allen Musikern einschließlich der eindrucksvollen Starsolistin hat das sichtbar Spaß gemacht; mit einer Koppelung zweier gegensätzlicher Folk Tunes aus ihrer Heimat als Zugabe wies Hemsing nicht nur recht offen hörbar auf die ja bekannte Herkunft von Griegs Solveig-Melodie hin, sondern ließ auch Teile des Orchesters ein wenig zum Tanz mit dem Fuß stampfen.
Moderne und Mahler: Die erste Symphonie von Schostakowitsch
Groß allerdings ist die Diskrepanz im Vergleich mit Dimitri Schostakowitschs staunenswertem symphonischem Erstling von 1926. Wie Hamilton zur Hardangerfiedel dürfte Ustina Dubitzky durch die konkrete Programmplanung zu diesem Auftragsdirigat gekommen sein: 100 Jahre nach Entstehung der Tonhalle als damals größtes deutsches Planetarium feiern die Symphoniker das Jubiläum mit Werken aus diesem Jahr, und die Examensarbeit eines 19-Jährigen am Petersburger Konservatorium passt blendend. Auch für die Dirigentin, der es mit dem konzentriert folgenden Orchester mitreißend gelang, die unzähligen musikalischen Facetten und divergenten Satzcharaktere herauszuarbeiten. Diese Symphonie ist weniger eine "Oper der Instrumente" im Sinne von Klassik und Romantik, sondern eher ein "Theaterstück für Orchester", das einer in den ersten beiden Sätzen durchaus mitunter hektisch und auch ironisch-komödiantisch erfassten Moderne der 1920er Jahre (mit klaren Strawinsky-Anklängen) im Lento-Gesang und im tragisch in einem Zusammenbruch kulminierenden Finale eine ganz "mahlerische", hyperromantische Gegenwelt gegenüberstellt. Wie Dubitsky und die Düsseldorfer Symphoniker diese "Symphonie als Welt" im Mahlerschen Sinne erfassten, überzeugte von Beginn an bis zur eindrucksvollen Pause, in der quasi nur die Pauke überlebt und dann zum Endspurt überleitet. Details wie die hervorragenden Soli der Bläser und ersten Streicherpulte, das in den Klangfarben perfekt abgestimmte Blech, die wie im Großstadttrubel im Orchester promenierenden Klavierpassagen im Allegro-Scherzo und der trostlos-schöne Orchestergesang im Lento gelangen in einer Weise, dass man sich keine bessere Leitung und Ausführung vorstellen konnte - in der Konsequenz der Attacken und ihrer oft perfektionistisch anmutenden Klanggestaltung hat Dubitsky sicher auch die sowjetische Tradition von Kondraschin bis Mariss Jansons (mit dem sie schon zusammenarbeitete) recherchiert und die bemerkenswerte klanglich-strukturelle Umsicht ihres Lehrers Roth in ihren Interpretationsstil implantiert. Das passte bei Schostakowitsch und Grieg. Der von Dubitsky fast freundschaftlich-familiär im Team mit dem Orchester entgegengenommene Final-Aplaus ist hoffentlich als Wunsch aller verstanden worden, diese Dirigentin baldmöglichst wieder einzuladen bzw. in Düsseldorf fester zu implementieren. "
Dr. Hartmut Hein, https://magazin.klassik.com/
Font: https://magazin.klassik.com/konzerte/reviews.cfm?task=review&PID=8523