Die
Wiener Philharmoniker zählen nach Meinung vieler Musikliebhaber zu den
besten Orchestern der Welt. Und Hans Knappertsbusch nannte die Wiener
Philharmoniker "Die Unvergleichlichen".
Diese Aussage trifft in mehr als einem Punkt zu, ist
doch die Beziehung zwischen dem Orchester der Wiener Staatsoper und dem
Verein der Wiener Philharmoniker weltweit einzigartig. So kann gemäß
den derzeit gültigen philharmonischen Statuten nur ein Mitglied des
Orchesters der Wiener Staatsoper Mitglied bei den Wiener Philharmonikern
werden. Vor der Aufnahme in die private Vereinigung muß ein Probespiel
für die Aufnahme in das Orchester der Wiener Staatsoper gewonnen
werden, und nachdem der angehende Philharmoniker diese Hürde genommen
hat, gilt es, sich mindestens drei Jahre im täglichen Orchesterdienst
zu bewähren, bevor der Antrag auf Mitgliedschaft in den Verein gestellt
werden kann.
Das Engagement im Orchester der Wiener Staatsoper
garantiert ein fixes Einkommen, die üblichen Sozialversicherungen und
eine Pension, Vorteile, die für einen privaten Konzertunternehmer
unfinanzierbar sind, wenn er seine Unabhängigkeit nicht an entsprechend
potente Sponsoren verkauft. Umgekehrt wirkt sich die am Podium
erarbeitete Qualität positiv auf das künstlerische Niveau der
Opernvorstellungen aus, und außerdem erleichtern bzw. ermöglichen die
Wiener Philharmoniker durch ihre Beziehungen der Direktion der Wiener
Staatsoper das Engagement der weltbesten Dirigenten. Ohne Wiener
Staatsoper, das sei an dieser Stelle dezidiert gesagt, gäbe es die
Wiener Philharmoniker nicht in dieser Form. Längst hat sich jedoch die
Erkenntnis durchgesetzt, daß diese "Symbiose" zwischen der
Wiener Staatsoper und dem Orchester beiden Partnern Vorteile bringt.
Ein privater Verein - Verzicht auf Subventionen
Die Wiener Philharmoniker sind ein privater Verein. Bis zum Jahr 1996
bezogen sie eine staatliche Subvention in der Höhe von ATS 2,5 Mio.; im
Februar 1997 beschloß das Orchester jedoch, diese Subvention, die in
etwa die Kosten eines einzigen Chorkonzertes deckte, in Hinkunft nicht
mehr in Anspruch zu nehmen. Und bezüglich der Leistungen des
Steuerzahlers für das Orchester der Wiener Staatsoper sei darauf
verwiesen, daß ein überwiegender Teil jener Ausgaben, welche die
Republik Österreich dafür aufwendet, durch die Abgaben der Wiener
Philharmoniker kompensiert wird.
Anfang 1997 war außerdem beschlossen worden, Chancengleichheit für
Frauen herzustellen. Gleichzeitig wurde Anna Lelkes, Harfenistin und
langjähriges Mitglied der Wiener Staatsoper, als erste Frau in den
Verein Wiener Philharmoniker aufgenommen.
Die philharmonische Selbstverwaltung
Der im Jahre 1842 eingeschlagene Weg der philharmonischen
Selbstverwaltung wurde in eineinhalb Jahrhunderten lediglich
modifiziert, aber nicht verlassen. Selbstverständlich machte die
Expansion zu einem Wirtschaftsunternehmen mittlerer Größe die
Einstellung von Fachkräften (vier Sekretärinnen und ein Buchhalter)
notwendig. Die Letztverantwortung tragen aber die gewählten Funktionäre,
also Orchestermusiker, und nur sie sind auch zu Entscheidungen
berechtigt.
Die Hauptversammlung
Oberstes Gremium des Vereines ist die Hauptversammlung. Pro Saison
finden neben der vom Gesetz vorgeschriebenen ordentlichen
Hauptversammlung durchschnittlich fünf bis sechs außerordentliche
Plenarsitzungen statt. Theoretisch kann in diesem Gremium jedes Problem
diskutiert und abgestimmt werden, in der Praxis gibt es gewisse
Modifikationen, werden doch zahlreiche Entscheidungen dem Ermessen der
leitenden Funktionäre überlassen. Diese erfahren spätestens bei der nächsten
Wahl, ob sie bezüglich jenes freiwillig eingeräumten
Handlungsspielraumes noch das Vertrauen der Mehrheit der Kollegen
besitzen. Mit Ausnahme von Statutenänderungen (Vier-Fünftel-Mehrheit)
entscheidet bei jedem Votum die einfache Majorität, und im Verlaufe der
philharmonischen Geschichte gab schon des öfteren eine Stimme den
Ausschlag. Die Durchführung der vom Plenum getroffenen Beschlüsse
obliegt dem aus zwölf Orchestermitgliedern bestehenden
Verwaltungsausschuß.
Die Wiener Philharmoniker haben es sich jedenfalls zur
Aufgabe gemacht, die stets aktuelle humanitäre Botschaft der Musik in
den Alltag und in das Bewußtsein der Menschen zu bringen. Sie suchen
jenes Motto zu verwirklichen, das Ludwig van Beethoven, dessen
symphonischem Schaffen das Orchester seine Entstehung verdankt, seiner
"Missa solemnis" voranstellte: "Von Herzen - möge es
wieder zu Herzen gehen."