Als im Jahre 1945 die amerikanische Militärregierung in
Stuttgart Musiker suchte, die das Rundfunkorchester des neu gegründeten
Senders "Radio Stuttgart" bilden sollten, konnte noch niemand erahnen,
welche rasante Entwicklung und welchen enormen künstlerischen Aufschwung
dieses Orchester im Laufe der folgenden Jahrzehnte nehmen würde.
Heute ist das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR
einer der bedeutendsten musikalischen Botschafter des Landes und spielt
jährlich rund 80 Konzerte im Sendegebiet des SWR sowie in den nationalen
und internationalen Musikzentren.
Das RSO Stuttgart gastiert dabei - auch im Rahmen
bedeutender Musikfestspiele - u. a. in Berlin, Brüssel, Köln, London,
Luzern, München, Paris, Ravenna, Straßburg, Wien und Zürich sowie bei
den "Ludwigsburger Schlossfestspielen". Seit den fünfziger Jahren ist
die Präsenz des RSO Stuttgart eine der Konstanten der "Schwetzinger
Festspiele": Alljährliche Opernaufführungen - inklusive zahlreicher
Uraufführungen und Wiederentdeckungen von Opern-Raritäten - und
Orchesterakademien im Schwetzinger Schloss gehören ebenso dazu wie
festliche Konzerte im Dom zu Speyer.
Ergänzt wird die rege Konzerttätigkeit durch
vielfältige Studio-Produktionen für das sendereigene Radio- und
Fernsehprogramm und für den Tonträgermarkt (darunter mehrere
preisgekrönte Aufnahmen). Auf dem SWR eigenen CD-Label SWRmusic, das in
Kooperation mit hänsslerCLASSIC erscheint, dokumentiert das RSO
Stuttgart die Ergebnisse seiner Arbeit aus Gegenwart und Vergangenheit.
Die programmatische Ausrichtung des
Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart fokussiert sich auf zwei thematische
Schwerpunkte: Zum einen wird die klassisch-romantische Symphonik in
exemplarischen Interpretationen gepflegt, zum anderen setzt sich das RSO
mit Nachdruck für die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts ein. Bereits
der noch junge Stuttgarter Sender initiiert in seinen ersten Jahren
eigene Konzertreihen, die der Förderung zeitgenössischer Musik gewidmet
sind. Daraus entwickeln sich später die "Tage der zeitgenössischen
Musik" sowie die Reihen "Musik unserer Zeit" und "Tage für Neue Musik
Stuttgart". Viele renommierte Komponisten, darunter Igor Strawinsky,
Paul Hindemith, Pierre Boulez, Hans-Werner Henze, Krzysztof Penderecki,
Luciano Berio, Mauricio Kagel, Heinz Holliger, Peter Eötvös, Johannes
Kalitzke und Matthias Pintscher, haben ihre eigenen Werke in Konzerten
des RSO Stuttgart dirigiert. Heute bilden das Festival "eclat" und das
Konzept der Veranstaltungen von "attacca Geistesgegenwart.Musik" das
Forum für die Musik der Avantgarde mit zahlreichen Uraufführungen von
Auftragswerke des SWR. Hier finden junge Komponisten ein Podium, ihre
musikalischen Klangvorstellungen und Experimente zu realisieren.
Die ersten Dirigentenpersönlichkeiten, mit denen das
RSO regelmäßig zusammenarbeitet, sind Hans Müller-Kray und Carl
Schuricht. Bereits in den ersten Jahren leitet eine Vielzahl
international renommierter Gastdirigenten wie Ernest Ansermet, Sir John
Barbirolli, Karl Böhm, Ferenc Fricsay, Wilhelm Furtwängler, Erich
Kleiber, Hans Knappertsbusch und Leopold Stokowski die Konzerte des
Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart; in späterer Zeit kommen u. a. Sir
Georg Solti, Giuseppe Sinopoli, Herbert Blomstedt, Erich Leinsdorf,
Ferdinand Leitner, Gary Bertini und Kurt Sanderling hinzu. Hochkarätige
Solisten aller Generationen wie Alfred Brendel, Maria Callas, Wolfgang
Windgassen, Arturo Benedetti Michelangeli, Arthur Grumiaux, Mstislaw
Rostropowitsch, Radu Lupu, Gidon Kremer, Mauricio Pollini, Anne-Sophie
Mutter, Tabea Zimmermann, Frank Peter Zimmermann, Robert Levin und
Christian Tetzlaff - um nur einige wenige zu nennen - konzertieren
gemeinsam mit dem RSO Stuttgart.
Das Jahr 1971 markiert in der Geschichte des
Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart eine bedeutende Zäsur: Sergiu
Celibidache, der das Orchester zuvor mehrfach als Gast dirigiert hat,
wird künstlerischer Leiter des RSO und entwickelt durch seine ebenso
intensive wie suggestive Probenarbeit ein neues Klangideal, das die
Spielkultur wegweisend für viele Jahre prägt. Nicht nur in Stuttgart
präsentiert Celibidache das Ergebnis dieser fruchtbaren Zusammenarbeit:
Erstmals in seiner Geschichte kann das RSO auf den Podien der großen
internationalen Musikzentren konzertieren. Eine Reihe hochwertiger
Konzertmitschnitte mit Werken von Brahms, Bruckner, Debussy, Mussorgskij,
Prokofjew, Ravel, Respighi, Strauss und Strawins-ky sind in der
"Celibidache-Edition" der Deutschen Grammophon veröffentlicht worden. In
dieser Edition findet sich auch "Der Taschengarten" - die einzige
Komposition von Sergiu Celibidache, die er zu Lebzeiten autorisiert und
auf einem Tonträger aufgenommen hat.
Sir Neville Marriner, der das Radio-Sinfonieorchester
Stuttgart 1983 als Chefdirigent übernimmt, weitet die Konzerttätigkeit
auf Tourneen nach Fernost und in die USA aus. Mit ihm beginnt auch eine
intensivierte Schallplattenproduktion, deren Ergebnis über 80 Aufnahmen
mit Werken von Beethoven bis Bernstein sind. Gianluigi Gelmetti löst
1989 Sir Neville Marriner ab; er widmet sich verstärkt dem italienischen
und französischen Repertoire, besonders den Werken von Gioacchino
Rossini und Maurice Ravel. Unter seiner Leitung wird das RSO Stuttgart
als erstes nicht-italienisches Orchester zu den Rossini-Festspielen nach
Pesaro eingeladen. Außerdem spielt Gelmetti mit dem RSO für EMI eine
Gesamtaufnahme der Orchesterwerke von Maurice Ravel ein. Mit Georges
Prêtre, der 1996 die künstlerische Leitung des RSO übernimmt und bis
heute als Ehrendirigent dem Orchester eng verbunden ist, tritt erneut
eine charismatische Musikerpersönlichkeit an die Spitze dieses
Klangkörpers. Prêtre gastiert mit dem RSO im Rahmen der
Jubiläums-Tournee zum 50jährigen Bestehen des Orchesters u. a. im Wiener
Musikvereinssaal. Die CD-Einspielung der Oper "Capriccio" von Richard
Strauss mit Felicity Lott in der Hauptrolle - erschienen beim Label
Forlane - zählt zu den herausragenden Tondokumenten der Zusammenarbeit
Prêtres mit dem RSO.
Mit Heinz Holliger verbindet das RSO eine langjährige
Zusammenarbeit, in deren Zentrum - neben seinen eigenen Kompositionen -
immer wieder Werke von Komponisten stehen, denen sich Heinz Holliger
ganz besonders eng verbunden fühlt (wie z. B. Robert Schumann, Olivier
Messiaen und Charles Koechlin). Seine intensive Auseinandersetzung mit
dem Œuvre Koechlins mündet 2002 in eine Filmdokumentation über das Leben
Koechlins, für das Holliger mit dem RSO exemplarische Musikausschnitte
aufgenommen hat, und bei SWRmusic erscheint eine auf mehrere CDs
angelegte Edition mit zentralen Orchesterwerken Koechlins. Gemeinsam mit
dem RSO Stuttgart gastiert Holliger im April 2003 mit eigenen
Kompositionen in der Pariser Cité de la musique, im September des selben
Jahres folgt mit Schumanns dramatischem Gedicht "Manfred" (Sprecher:
Klaus Maria Brandauer) ein Gastspiel bei den Luzerner Festwochen.
Mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart arbeiten
derzeit Peter Eötvös und Carl St.Clair als ständige Gastdirigenten
kontinuierlich zusammen. Beide Musiker prägen durch ihren jeweiligen
Repertoireschwerpunkt das Erscheinungsbild des Orchesters mit: Peter
Eötvös bereichert als überaus kompetenter Interpret der Neuen Musik, als
Komponist und als - auch verbal - versierter Musikvermittler die
Konzertprogramme des RSO. Der unter seiner Leitung entstandene
Live-Mitschnitt von Bartóks Oper "Herzog Blaubarts Burg" wird für den "GRAMMY
2004" nominiert.
Im Mittelpunkt der Arbeit von Carl St.Clair stehen
häufig Werke der amerikanischen und französischen Musik des 20.
Jahrhunderts. St.Clair hat überdies mit der ersten CD-Gesamtaufnahme der
12 Sinfonien und weiterer Orchesterwerke des brasilianischen
Kom-ponisten Heitor Villa-Lobos für das Label cpo verdienstvolle
Pionierarbeit geleistet.
Seit 1998 ist Sir Roger Norrington Chefdirigent des
Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR. Norringtons Arbeit in
Stuttgart, die immer wieder auch durch seine verbale Vermittlung von
Musik bereichert wird, ist im wesentlichen zwei thematischen Leitlinien
verpflichtet: Zum einen misst Norrington den Komponisten der "Wiener
Klassik" - insbesondere der Musik Ludwig van Beethovens - bis hin zur
Romantik einen hohen Stellenwert bei, zum anderen nimmt er zentrale
Werke der englischen und skandinavischen Symphonik (z. B. Elgar, Vaughan
Williams, Nielsen) in das Repertoire und die Konzertreihen des RSO
Stuttgart auf. Norringtons Einspielung der ersten Sinfonie von Edward
Elgar mit dem RSO bei SWRmusic ist mit dem begehrten "ECHO Klassik Preis
2001" als beste sinfonische Einspielung des Jahres ausgezeichnet
worden.
Norrington verleiht dem RSO Stuttgart ein
unverwechselbares klangliches Profil durch die Verbindung von historisch
informierter Aufführungspraxis mit den Mitteln eines modernen
Sinfonieorchesters. Die Fachpresse tituliert das hörbare Resultat dieser
Synthese als "Stuttgart Sound" und konstatiert: "Seit Celibidache hat
kein Dirigent das klangliche Erscheinungsbild dieses Orchesters
deutlicher geprägt als Norrington." Dabei sind Orchesteraufstellung,
Instrumentation, Artikulation, Phrasierung und Stilistik den
Klangvorstellungen der Komponisten zu ihrer Zeit angepasst. Die Musiker
des RSO haben sich durch diesen sorgfältigen Umgang mit dem sinfonischen
Kernrepertoire ein Höchstmaß an Flexibilität und stilistischer Kompetenz
erarbeiten können. Wie begeistert das Publikum auf den "Stuttgart Sound"
reagiert, kann das RSO nicht nur bei seinen regelmäßigen Konzerten in
der Stuttgarter Liederhalle erleben, sondern auch bei den zahlreichen
Gastkonzerten im Sendegebiet, bundesweit und international: Bei der 5.
Japan-Tournee des RSO im November 2001 haben die japanischen Zuhörer die
Konzerte mit Werken von Beethoven, Mendelssohn, Schubert, Brahms und
Elgar mit großem Applaus aufgenommen, und die führenden Musikkritiker
des Landes haben aus einem Angebot von rund 10.000 Veranstaltungen mit
klassischer Musik das RSO-Konzert in Tokio zum zweitbesten Konzert des
ganzen Jahres gewählt.
In der Saison 2002/2003 widmet sich Sir Roger
Norrington bei seinen Konzerten mit dem RSO Stuttgart den zentralen
Werken von Hector Berlioz, dessen 200. Geburtstag im Jahre 2003 gefeiert
wird. Den Abschluss dieses "Berlioz-Festivals" bildet eine
Konzerttournee, bei der die selten gespielte Berlioz-Oper "Benvenuto
Cellini" im Rahmen namhafter europäischer Musikfestivals - bei den "BBC
Proms" in London, beim Festival "KlangBogen" in Wien, beim
"Flandern-Festival" in Brüssel, im Konzerthaus Berlin und bei den
"Ludwigsburger Schlossfestspielen" - konzertant aufgeführt wird. Die
Saison 2003/2004 steht - dem weiteren Verlauf der Musikgeschichte nach
Beethoven und Berlioz folgend - im Zeichen von Felix Mendelssohn
Bartholdy und Robert Schumann. Einen Saisonhöhepunkt bildet dabei die
zyklische Aufführung der Sinfonien dieser beiden Komponisten im Rahmen
des "Europäischen Musikfestes Stuttgart" im September 2004.
Das RSO wird sich auch weiterhin den Anforderungen der
internationalen Konzertpodien stellen und Gastkonzerte im benachbarten
Ausland, aber auch Tourneen nach Übersee unternehmen. Dieser
internationale Wettbewerb ist eine wichtige Voraussetzung für die
Siche-rung der musikalischen Qualität der Konzerte im Sendegebiet des
Südwestrundfunks und im Radioprogramm von SWR2.
April 04